Erntedankfest in Mühlhausen: Ein Fest der Dankbarkeit und Tradition

Am ersten Sonntag nach dem Michaelistag, der am 29. September begangen wird, findet offiziell das Erntedankfest statt. In dieser Zeit sind die Tage bereits merklich kürzer, und das Leben auf den Höfen verlagert sich langsam wieder nach drinnen. Das Erntedankfest ist eines der ältesten Feste und symbolisiert die Dankbarkeit für die Ernte, die für die ländliche Bevölkerung über Jahrtausende hinweg lebensnotwendig war.

Die Ursprünge dieses Festes reichen bis in die Antike zurück, als die harte Arbeit auf dem Feld den Alltag von etwa 80 Prozent der Menschen prägte. Die Ernte war entscheidend für das Überleben durch den Winter, und so wurde Gott am Ende der Erntezeit für die reiche Fülle der Feldfrüchte gedankt. Diese Tradition erinnert uns auch heute daran, dass das tägliche Brot nicht selbstverständlich ist, sondern das Ergebnis harter Arbeit.

Das Erntedankfest ist nicht ausschließlich ein christliches Fest, sondern wurde in vielen Kulturen und Religionen als wichtiges Ereignis begangen. Belege für kirchliche Erntedankfeiern gibt es bereits seit dem 8. Jahrhundert. Besonders in Klöstern wurden im 15. Jahrhundert sogenannte Erntedankmessen gefeiert. In Deutschland legte die Deutsche Bischofskonferenz 1972 den Erntedanktermin auf den ersten Sonntag im Oktober fest. Allerdings ist keine Gemeinde dazu verpflichtet, diesen Tag zu begehen, da das Erntedankfest nicht Teil des christlichen Heilsgeschehens ist. Es ist also kein Fest, das aus dem Leben Jesu Christi hervorgeht, wie es etwa Weihnachten oder Ostern tun.

Wie viele Bräuche hat sich auch das Erntedankfest im Laufe der Zeit verändert. In früheren Zeiten wurden vor der Ernte die Werkzeuge gesegnet, und in manchen Regionen musste die erste Wagenfuhre der Ernte besonders geschmückt und in Ruhe heimgefahren werden, um eine reiche Ernte zu sichern. Das Fest war nicht nur eine private, sondern auch eine gemeinschaftliche Feier im Dorf. Je nach Region gibt es auch heute noch viele verschiedene Formen des Erntedankes. Der Almabtrieb ist ein solches Beispiel: Hier wird der Dank für ein seuchenfreies Jahr unter dem Vieh ausgedrückt, wobei die Tiere als "Ernte" betrachtet werden.

Die am weitesten verbreitete Form des Erntedankfestes ist die liturgische Feier in der Kirche. Dabei wird die Kirche festlich geschmückt, und ein Erntedankaltar wird errichtet, der aus den Feldfrüchten und Gartenerträgen der Gemeinde besteht. In modernen Variationen des Festes werden oft auch handwerkliche Produkte wie Schreinerarbeiten oder lokale Spezialitäten wie Wurstwaren und Milchprodukte auf dem Altar präsentiert. Im Zentrum des Erntedankaltares steht oft eine Erntekrone oder ein Erntekranz, der von den Frauen der Gemeinde aus vier Getreidesorten – Roggen, Weizen, Hafer und Gerste – gebunden wird.

Das Erntedankfest ist auch eine Mahnung, die Verantwortung des Menschen gegenüber der Natur nicht zu vergessen. Denn der Mensch macht sich die Gaben Gottes zunutze, muss aber zugleich seine Rolle als Verwalter dieser Schöpfung im Blick behalten.

Das Erntedankfest in Mühlhausen ist ein Beispiel dafür, wie alte Traditionen lebendig gehalten und an die modernen Gegebenheiten angepasst werden. Es ist nicht nur eine Feier des Dankes, sondern auch eine Gelegenheit, über die Verantwortung des Menschen gegenüber der Natur nachzudenken.